Hommage an Honoré Daumier
Der wohl berühmteste französische Karikaturist des 19. Jahrhunderts widmete sein Werk den Unterdrückten, den Armen und Schwachen. Er stammte aus armen Verhältnissen und trotz eines erfolgreichen, produktiven Künstlerlebens starb er bettelarm.
Kein anderer Zeichner hat die Juristerei so scharf ins Visier genommen wie er. In vielen Kanzleien und Richterzimmern hängt eines seiner Werke, damals als ätzende Karikaturen geschmäht - heute Klassiker.

Daumier wurde 1808 in Marseille geboren, zu der Zeit, als Napoleon auf den Gipfel seiner Macht zusteuerte. Der Vater, ein Glaser, fühlte sich als Dichter verkannt und zog 1816 mit seiner Familie nach Paris, wo er sich bessere Chancen erhoffte. Auch der Sohn hatte einen Hang zur Kunst. Der kleine Honoré war von den Malereien im Louvre tief beeindruckt und versuchte bereits als Kind, auch solche Bilder zu schöpfen. In den Gassen der Pariser Armutsvierteln, den Bistros, den Vorstadttheatern und den Tuilerien mangelte es nicht an Motiven.

Ein Einkommen hatte er mit seinen Zeichnungen zunächst nicht. So wurde er Laufbursche bei einem Notar und begann, in seiner Freizeit, die oft bizarre Welt der Justiz abzubilden. Diese Zeichnungen machten Eugène Boudin, den wichtigsten Vorläufer des Impressionismus, auf Daumier aufmerksam. Boudin unterrichtete ihn, und bald lernte Daumier auch die Technik des Steindrucks. Er besuchte die Académie Suisse und lernte bei Alexandre Lenoir.

Mit 23 Jahren wandte Daumier sich der Politik zu und wurde wegen einer Karikatur "Gargantua" des Bürgerkönigs Louis-Philippe mehrere Monate inhaftiert. Gerade das aber verschaffte ihm Ansehen. Daumier wurde Mitarbeiter der gesellschaftskritischen Zeitschrift "Charivari" und der Satireschrift "La Caricature". 1835 wurden durch die "Septembergesetze" diese und viele andere liberale und republikanische Publikationen verboten.


In der Zeit der Zensur beschäftigte Daumier sich mit der Darstellung der "Bourgeoisie", der Stütze des Systems. Korruption, Spekulantentum, Opportunismus und Heuchelei wurden von Daumiers scharfer Feder treffsicher angeprangert. Durch die Jugenderfahrungen bereits einschlägig vorgebildet, nahm Daumier sich nun auch das Rechtswesen vor: Richter und Anwälte als voreingenommene Parteigänger der konservativen Kräfte, als pathetische Schwätzer und eitle Laffen.


Daumier benutzte das zu seiner Zeit modernste grafische Medium: Die Kreidelithografie. Er wurde zum Meister einer von kurviger Linienführung geprägten, Licht- und Schattenreichen Metaphorik. Hell und Dunkel für Wahrheit und Lüge, Aufklärung und Revolution, immer auf der Seite der Unterdrückten. Nach der Revolution von 1848 kam die zweite Republik. Daumier entdeckte neue Ziele seines Spotts, darunter die "Repräsentanten der Repräsentanten" und sogar die Frauenbewegung, deren Bemühungen er skeptisch gegenüberstand.
Immer wiederkehrend findet sich in Daumiers Schaffen das Motiv des Don Quixote, dessen introvertierte Welt eine besondere Faszination auf ihn ausübte.

Der Staatsstreich von Napoleon III. leitete eine neue Epoche der politischen Karikatur ein: Die Kolonial- und Außenpolitik.

Daumier gehörte zu den leidenschaftlichsten Warnern vor dem Krieg, auf den Frankreich nach einer Reihe von außenpolitischen Erfolgen 1870 zusteuerte.

Trotz vieler Bemühungen blieb Daumier, den Balzac als "Michelangelo seiner Zeit" bezeichnete, der Erfolg als Maler versagt. Brachten ihm die treffsicheren Zeichnungen bei Zeitungslesern hohes Ansehen, so war das Verkaufen eines Gemäldes ebendieses Künstlers offenbar eine ganz andere Sache.

Honoré musste mit dem Dilemma leben, dass er sich mit der sozialkritischen, politischen Ausrichtung seiner Werke genau diejenigen zum Feinde gemacht hatte, die das Geld hatten, für Kunst zu bezahlen. Immer wieder musste er sich als Karikaturist bei Zeitschriften ein Zubrot sichern, und konnte zu Lebzeiten nur wenige seiner Gemälde verkaufen.

Zu dem finanziellen Misserfolg kam ein Augenleiden, das ihm die Arbeit zusätzlich erschwerte. Nach fast 4000 Lithografien, über 900 Holzschnitten etwa 100 Gemälden, sowie zahlreichen Skulpturen erblindete Daumier 1872 fast vollständig. Außer einem kleinen Haus, das ihm Corot in Valmondois bei Auvers-sur-Oise geschenkt hatte, besaß er nichts. Honoré Daumier, der sich Zeit seines Lebens für die Armen engagiert hatte, starb 1879 in völliger Armut.
Text: Michael Schmidt
Quellen: Curth, B. "H. Daumier", Berlin 1947
Das große Lexikon der Graphik, Köln 1989